Sonntag, 22. Dezember 2013

ABGESANG AUF DIE KASSETTE

Abgesang: (gehoben) Ausklang, [wehmütiger] Abschied (www.duden.de)

ich habe mir heuer selbst ein weihnachtsgeschenk gemacht: einen tape-to-digital-converter. im prinzip ist das nichts anderes als ein walkman, den man einfach über usb am pc anschließt. natürlich war das ding recht billig, so billig, dass sogar schon ein teil davon kaputt ging, nämlich die verriegelung für den kassettendeckel. das stört mich aber nicht weiter, deswegen spielt das teil auch nicht anders ab.

natürlich hätte ich auch mein geiles tapedeck an den laptop anschließen können - wenn mir das mein bruder nicht zerstört hätte. naja, "zerstört" ist nicht ganz richtig. seit jahren steckt eine kassette drin und der auswurf lässt sich nicht mehr betätigen, geschweige denn dass sich irgendetwas abspielen ließen würde. ich möchte auch nicht daran herumbasteln, denn damit mache ich es garantiert nur endgültig kaputt, obwohl ich eigentlich ein händchen für solche basteleien hätte.

ich habe also meine freude damit meine uralten kassetten nun digitalisieren zu können. naja, alle kassetten, auch die neuesten, wobei die neuesten natürlich ein paar jahre zurück liegen. die letzte von mir aufgenommene kassette stammt, glaube ich, aus dem jahr 2003 oder 2004. jedenfalls hörte ich damit auf, als es möglich wurde nahezu jeden song auf mp3 zu bekommen, man sich selbst cds brennen konnte und ich mir einen cd-walkman kaufte um damit im auto musik zu hören. später dann hörte ich mp3s vom handy, inzwischen vom usb stick oder gebrannten cds. doch befriedigt hat mich das nie wirklich. 

als ich noch kassetten hörte, hatte ich mir das geschickt organisiert. ich hatte immer einen kassettenkoffer mit ca. 40 kassetten dabei. vorne, wo ich auch während der fahrt bequem hingreifen konnte, lagen eine handvoll kassetten zum wechseln. wenn eine fertig war kam sie raus, wurde in ihre hülle gesteckt, und die nächste wurde in das autoradio geschoben. das ging sogar unterm fahren, mit gleichzeitig schalten, rauchen, kaffee trinken, lenken, telefonieren und wurstsemmel essen. im kassetten wechseln war ich profi. ich hatte also immer genug vorrat dabei um bis zum nächsten halt garantiert mit frischer musik beschallt zu werden. bei der nächsten gelegenheit wurde zum koffer gegriffen und die bereits gehörten kassetten wurden gegen ungehörte ausgetauscht. ich hatte auch ein system um bereits gehörte von ungehörten zu unterscheiden. meine kassettenhüllen waren nämlich ausnahmslos korrekt beschriftet, also ordnete ich bereits gehörte kassetten einfach mit der unbeschriebenen seite nach oben in den koffer ein. und so alle paar wochen nahm ich den koffer mit in die wohnung und tauschte die kassetten aus meinem riesigen fundus aus.

wie ich bereits schrieb, waren alle meine kassetten genau beschriftet. doch das war ja noch nicht alles, denn jede kassette bekam von mir ein bild als cover vorne drauf. als es noch wenige waren hatte ich das irgendwann einmal angefangen und bis zum bitteren ende durchgehalten. ich besitze also geschätzte 1.000 eigenhändig von mir becoverte kassetten!

man sieht also, in jede kassette wurde viel arbeit hineingesteckt. das fing ja schon beim aufnehmen an, vor allem bei aus dem radio aufgenommenen kassetten. bei von schallplatten, oder später cds aufgenommenen tapes war das keine große sache, man setzte sich hin und legte eben eine platte nach der anderen auf, dazwischen pause gedrückt, aufgenommene platte weg, neue drauf, platte gestartet, pause wieder entriegelt und weiter gings. so brauchte man nur ein paar minuten länger zum aufnehmen als die angegebene spieldauer. ganze alben nahm ich sowieso eher selten auf, da mischte ich die tracks lieber mit anderem material von anderen platten. ich weiss nicht warum, das war mir einfach so lieber. vermutlich weil ich nicht ständig das selbe hören möchte. nur ganz wenige alben kann und will ich mir im ganzen von vorne bis hinten anhören.

ja und wenn man von radio aufnahm war das natürlich noch aufwändiger, denn man musste immer bereit sein, sich direkt vor das gerät setzen und aktiv mithören, mit glück im richtigen moment die pause loslassen um den anfang richtig zu erwischen, wenn man das ende nicht richtig erwischte war das halb so schlimm, dann spulte man einfach kurz zurück und stellte das band an die richtige stelle an der es dann weitergehen sollte. manchmal brauchte man für ein tape mehrere tage oder wochen, manchmal konnte man an einem abend gleich mehrere kassetten verbraten. je nach musikprogramm.

nebenbei musste man natürlich die titel notieren und diese dann später aufs inlay schreiben. für mich selbst schrieb ich immer nur die titel auf, nie den interpreten, denn ich hatte einfach nur selten platz dafür. nur wenn ich für andere leute aufnahm tat ich mir die arbeit an und notierte titel UND interpreten - und das wurde dann auch in verschiedenen farben ins inlay geschrieben. natürlich bekamen auch geschenkte tapes ein cover.

ja und für diese cover war ich ständig auf der jad nach geeigneten bildern. massenweise meuchelte ich zeitschriften, zerfledderte und zerschnipselte sie, nur um dämliche kleine bildchen für dämliche kleine musikkassettenhüllen zu erhalten.

natürlich konnte ich auch den hüllenrücken nicht so akzeptieren wie er war, nein der musste weiss sein. für meine wiederkehrenden rubriken (radio, dancefloor, extraordinary und diverses) hatte ich bereits vorbereitete schnipsel (anfangs noch mit schreibmaschine, später aus dem drucker des pc). für anderes wurde einfach ein stück weisses papier aufgeklebt und dann von hand beschriftet.

also nochmal: erst wurde die kassette aufgenommen, dann wurde das inlay beschriftet, der rücken aufgeklebt und beschriftet (die rubriken wurden anfangs nummeriert, später kam dann das datum drauf), natürlich auch die kassette selbst (oft mit aufklebern) beschriftet, und zu guter letzt das cover ausgesucht, aufgeklebt und zurechtgeschnitten. und voilá, da war sie, die kassette die meinen ansprüchen genügte.



und jetzt vergleichen wir das mal mit heutigen verhältnissen: ich suche files aus, kopiere sie entweder auf einen usb stick, oder brenne eine oder mehrere cds - und das wars. das ganze dauert einige wenige minuten. ich höre mir ja nicht mal mehr an was ich da an musik kopiere, denn ich muss sie ja nicht mehr mühsam vorher aufnehmen. von irgendwelchen beschriftungen oder gar cover ist keine rede mehr. und damit habe ich material für die nächsten wochen, wenn nicht gar für monate. 

dazu kommt noch, dass ich die files entweder nur der reihe nach anhören kann, was dann irgendwie öde ist, weil sie dann einfach alphanumerisch abgespielt werden, oder per zufall. der random modus ist eigentlich auch wieder blöd, da sich nur die wenigsten autoradios merken welche titel bereits gespielt wurden. sie merken sich zwar welcher titel gerade dran war, mit viel glück sogar an welcher stelle man gerade war, aber das wars dann. man weiss im random modus nie wann man die ganze liste eigentlich durchgehört hat. und ja, das nervt mich. fast noch mehr als sie der reihe nach anzuhören.

"ja aber bei der kassette hast du ja auch einen festen ablauf" wird der leser nun einwenden. ja, das stimmt natürlich. in der regel habe ich eine bis eineinhalb stunden (ganz selten auch mal ein bisschen weniger, oder mehr) fixes, nicht änderbares (oder nur durch kassettenwechsel änderbares) programm. doch was dann als nächstes dran kommt bleibt wiederum ziemlich offen. sogar wenn ich meine handvoll kassetten bereitliegen habe ist ja noch lange nicht festgelegt welche ich tatsächlich als nächstes dran nehme.

"ja, aber dann brenn dir doch cds" könnte nun als nächster einwand kommen. leute, seid doch mal ehrlich zu euch selbst: eine cd ist im grunde viel unhandlicher als eine kassette. zudem würde ich mir niemals die arbeit antun den selben aufwand für eine gebrannte cd zu veranstalten, wie ich es für eine kassette getan habe. einerseits weil auch hier der akt des aufnehmens wegfällt, andererseits, weil es ungleich schwieriger ist passende bilder im cd-format zu finden. und nein, ausdrucken kommt nicht in frage! als ich anfing cds zu brennen habe ich es versucht, die ersten 3-4 stück machten noch spass, aber dann fing es an zu nerven.

"aber cds und mp3s klingen doch viel besser als die verrauschten und dumpfen kassetten" käme nun als weiterer einwand in betracht. ja, das stimmt natürlich. andererseits machen genau diese fehler den reiz der von radio aufgenommenen kassette aus. man hat dropouts, es fahlen anfang und ende, der moderator quatscht rein, man bricht mitten drin ab, oder steigt erst mittendrin ein, es gibt stücke von denen ich auch nach 25 jahren noch nicht weiss was das ist und wie der interpret heisst... ich kanns nicht erklären... genau das ist es einfach was mir an der ganzen geschichte gefällt. man spürt den aufwand den man damit hatte. jeder affe kann ein file von hier nach da verschieben, aber 60 minuten musik aus 3 tagen radioprogramm extrahieren kann er nicht.

natürlich werde ich nicht alle meine kassetten digitalisieren, das wäre ja hirnverbrannt, wenn ich die cds, die ich irgendwann mal auf kassette gebannt habe, nun aber schon längst in gerippter form als mp3 auf meiner festplatte liegen, nun ein weiteres mal digitalisiere. die meisten meiner vinylplatten habe ich ebenfalls schon in mp3 form vorliegen und was nioch fehlt wird irgendwann mittels usb-plattenspieler digitalisiert. es werden also nur die kassetten die aus dem radio aufgenommen wurden kopiert.

hab ich nen knall? "ja natürlich!" rufe ich mit begeisterung aus! und ich bin ganz glücklich damit!

und wenn ich mit meinen digitalisierungen fertig bin, suche mir leute die kassetten zu würdigen wissen, und werde meine umfangreiche sammlung verschenken. wegschmeissen möchte ich sie nicht, denn da steckt einfach viel zu viel arbeit drin.

voranmeldungen für potentielle abnehmer werden gerne entgegen genommen!