Mittwoch, 11. Dezember 2013

KANNST DU NICHT WAS ANDERES SPIELEN?

dieser text stammt (leider) nicht von mir! er KÖNNTE aber von mir stammen, doch um ihn als meinen eigenen auszugeben, müsste ich erst einmal die groß/kleinschreibung eliminieren und zweitens +Michael Mittner bestechen, denn von ihm stammt er ursprünglich. © 2009 oder so....


Die Party hat gerade angefangen. Der Club ist noch eher spärlich gefüllt. Ich stehe am DJ-Pult und spiele ein paar gemütliche Minimal-Nummern als Warmup. Eine nicht unattraktive junge Dame anfang zwanzig oder so kommt zu mir und – eh klar – will natürlich andere Musik haben.

"Kannst du nicht was anderes spielen?"

Das Zusammenstellen von Setlists, die Auswahl der Tracks und das Durchhören der Sammlung nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Da ich vor kurzer Zeit bei einem Festplattencrash meine sortierte MP3-Sammlung verloren habe und alles neu sortieren musste, habe ich nur einen USB-Stick mit 140 Minimal-Techno-MP3s mit. Gut, auf der Festplatte habe ich, da ich ja ein interessierter Musik-Snob bin, noch ein paar MP3s (zwei Jazz-Sampler, ein Album von Primus, drei Alben von The Mars Volta, den Nussknacker von Pyotr Ilyich Tchaikovsky und ich glaube noch Depeche Mode oder so). Ob sie mit Tchaikovsky einverstanden wäre?

"Irgendwas, wo man tanzen kann."

Also eher kein Tchaikovsky. Ausserdem vermute ich, dass der Satz "Irgendwas, zu dem ich tanzen will" auf dem Weg vom Gehirn zum Mund einige unvorhergesehene Veränderungen durchlaufen hat; ich habe schon von Leuten gehört, die es schaffen, zu Techno zu tanzen. Eigentlich kann das jeder, der nicht gerade im Rollstuhl sitzt. Und selbst Rollstuhlfahrer können oft noch mit dem Kopf im Takt nicken. Ausser Stephen Hawking. Aber der hat dafür einen Synthesizer in seinen Rollstuhl eingebaut. Stephen Hawking rockt!

"Vielleicht Hiphop?"

Gut, na dann ist ja alles klar. Welchen Hiphop? East Coast? West Coast? Old School? Rap? Gangster? Vielleicht deutschen Hiphop? Oder doch lieber R'n'B? Oder eines der vielzähligen anderen Micro-Genres, die es gibt? Mich beschleicht der leise Verdacht, dass diese junge Dame Jurassic 5 oder Kinderzimmer Productions für abstrakten Jazz halten würde. Also definitiv kein Tchaikovsky. Ich beschliesse, ihr die näheren Umstände meiner leider etwas eingeschränkten Auswahl näherzubringen.

"Sorry, aber ich hab nichts anderes da."

Gut, technisch gesehen stimmt das nicht. Aber da ich bereits den nächsten Übergang vorbereitet habe ist es mir jetzt schlicht und ergreifend zu mühsam, jetzt noch den Nussknacker zu cuen. Ich wüsste eh nicht, ob sie lieber Drosselmeyers Bescherung oder Klärchen und der Prinz hören will. Und der Blumenwalzer ist im 3/4-Takt, das kann ich ihr vermutlich erst recht nicht zutrauen. Ich blicke auf den Laptop: Noch 3 Minuten Zeit.

"Irgendwas zum Tanzen?"

Ich weiss, ich weiss, es ist Klischee, aber bei meinen zahllosen abendlichen Eskapaden, die mich einen bunten Querschnitt moderner Subkulturen erleben lassen haben, hat sich Zahl um Zahl eines bestätigt: Tanzen auf Hiphop-Festen bedeutet, dass kleinere Grüppchen aus 4-8 Personen, die Kleidung für 20 Personen am Leib tragen, auf der Tanzfläche herumstehen und sich gegenseitig ansehen, als würden sie nur darauf warten, wer als erster die Halbautomatische aus der Jackentasche zieht. Da auf der Tanzfläche bereits zwei Wagemutige begeistert herumhüpfen, denke ich mir, dass die momentane Musikwahl doch angemessen ist. Und letzten Endes könnte ich sie ja doch nicht ändern.

"Kannst du nicht vielleicht ein bisschen Hiphop spielen?"

Menschen zeichnen sich durch die Tatsache aus, dass sie Sinneswahrnehmungen durch einen Filter wahrnehmen. Wenn man zum Beispiel annimmt, dass die Welt böse ist, nimmt man eher Tatsachen wahr, die diese Annahme unterstützen. Vielleicht, denke ich mir, ist bei ihr so ein Filter aktiv. Vielleicht der Filter, dass sich alles um Hiphop dreht. Ich gehe jetzt mal einfach davon aus, dass mein "ich hab nichts anderes da" auf dem Weg in ihre Wahrnehmung zu "ich hab nichts anderes da ausser Hiphop" verzerrt wurde und entscheide mich, auf den wahren Sachverhalt explizit hinzuweisen.

"Ich hab keinen Hiphop da, echt."

Ehrlich. Ja. Wirklich!

"Aber hast du nicht irgendwas, wo man tanzen kann?"


Der geneigte Leser möge mir verzeihen, wenn ich hier ein wenig abkürze. Wir haben diese Schleife (Tanzen? Hiphop? Ne, nix anderes da.) noch drei- oder viermal wiederholt. In der Psychologie gilt es ja als Zeichen des Wahnsinns, wenn man immer wieder dasselbe macht und sich dabei jedes Mal ein anderes Ergebnis erhofft. Angesichts dieser bestürzenden Tatsache beschliesse ich, aus diesem Teufelskreis auszubrechen, in dem ich auf etwas zurückgreife, das 100%ig funktionieren wird: Logik. Echt, was kann dabei schiefgehen?

"Schau: Wenn ich kein Feuerzeug habe, kann ich kein Feuer machen. Wenn ich keine andere Musik habe, kann ich keine andere Musik spielen."

Ich triumphiere innerlich ob dieser Meisterleistung. In dieser Extremsituation eine derart greifbare Analogie aus dem Ärmel zu schütteln, ja, das ist ein wahrer Triumph der Argumentation. Wäre Sokrates neben mir gestanden, er wäre in Freudentränen ausgebrochen und hätte meine Füsse geküsst und darum gebeten, mein Schüler sein zu dürfen. Ich höre Fanfaren; ein güldenes Licht gleisst von der Decke und die grossen Denker der Renaissance winken mir von einer Wolke aus fröhlich zu. Ein kurzer Blick auf den Laptop: Noch 2 1/2 Minuten. Zuversicht glüht wie ein züngelndes Flämmlein in meiner Brust; dieser Kelch ist wohl an mir vorübergegangen. Und das, im Gegensatz zur ÖBB, rechtzeitig!

"Ich weiss schon, dass du mich nur loswerden willst. Aber du bist so hartnäckig! Kannst was anderes spielen?"

Galileo sieht mich traurig an und mit einem leisen Fump verschwindet die Wolke wieder. Mir wird schlagartig die Achillesferse meiner Strategie klar. Ich erzittere bei dem Gedanken daran, auf alle Ewigkeit in diesem Loop gefangen zu sein, wie Sysiphos immer und immer wieder erklären zu müssen, dass ich keinen anderen Sound da habe. Ich sterbe innerlich ein klein wenig und altere äusserlich um sicher 10-15 Jahre.

Ausserdem ist es zumindest diskutabel, wer hier hartnäckig ist.

Der Rest des Gesprächs verliert sich in einem mentalen Nebel aus Angst, Schmerz und purer Verzweiflung. Am Ende verspreche ich ihr, etwas anderes zu spielen, da mir schön langsam die Zeit ausgeht. Immerhin war ich ja mittendrin, einen Übergang zu machen. Als sie geht, sehe ich an ihrem traurigen Blick, dass sie weiss, dass ich nichts anderes spielen werde. Aber trotzdem will sie nicht ohne ihren Pyrrhussieg ihr selbsterklärtes Schlachtfeld verlassen. Ich sehe ihr nach, schüttle den Kopf und mache meinen Übergang.

Eigentlich, denke ich mir, verstehe ich nicht, was sie an Techno auszusetzen hat. Weil bei Techno hört man ja auch immer nur den gleichen Loop.