Dienstag, 21. Januar 2014

BUCHAUSZUG - KAPITEL 2 - PFIAT DI GOTT, ELISABETH

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Du entschuldige, i kenn di, bist du net die Klane,
Die i schon ois Bua gern ghabt hob
~ Peter Cornelius, „Du entschuldige, i kenn di“ ~



Und  es begab sich, dass in der Fußgängerzone der prächtigen Heimatstadt Toms ein Weihnachtsmarkt stattfand. Allerlei fahrendes Volk, die Kaufleute der Gemeinde und sonstiges geldgieriges Gesindel hatten sich dort eingefunden, um mit Ihren mehr oder weniger prachtvollen Verkaufsständen der laufenden Kundschaft das Geld aus der Tasche zu ziehen. Es gab Stände mit von kleinen ungeschickten Kinderhänden verzierten Kerzen, Kerzen aus Bienenwachs und andere Gegenstände aus dem selben penetrant übelriechenden Material, das dann doch nur langsam im Wohnzimmer verstaubte, Stände mit selbstverbrochenen Adventkränzen, Stände mit uninteressantem und überteuertem Kunsthandwerk, Stände mit Honig und Marmelade, Stände mit Weihnachtschmuck und Hinterglasmalereien, Stände mit Kunst und Krempel, Stände mit Zuckerwatte, gebrannten Mandeln und trockenem bröseligen Türkischen Honig und anderem unnötigen Zeugs und Gedöns. Nun ja, jedenfalls bestand Manuela darauf diese Orgie des vorweihnachtlichen Konsumrausches zu besuchen, vor allem um dem gemeinsamen Sohn eine Freude zu machen. Es hatten sich die „Obermuller Tuifelskerlan“, ein Haufen verwegener oder auch einfach nur übermütiger, jedoch vor allem sich der Tiroler Traditionen verpflichtet fühlender Burschen, in Fellen und Lumpen gehüllt und mit furchterregenden Masken bewehrt angekündigt. Nicht angekündigt wurde jedoch der damit einhergehende, nicht unbeträchtliche Lärm, den diese Wahnsinnigen auf alten Blechfässern, aus Autos ausgebauten Kraftstofftanks, ausgebauten Waschtrommeln und ähnlichem laut scheppernden Gerät veranstalteten – und dies sehr zur Freude des kleinen rhythmisch begabten Nachwuchses und des restlichen Publikums. Tom freute sich jedoch hauptsächlich über die Teenagermädchen die traditionellerweise von den höllischen Gestalten, beziehungsweise von deren rußgeschwärzten Händen im Gesicht angeschmiert wurden. Bei manchen Mädchen fanden sich auch Rußflecken an normalerweise eher verbotenen, sprich nicht jugendfreien Körperzonen. 

            Auch ein Nikolaus war anwesend und verteilte großzügig mit Weihnachtsgebäck, Nüssen und Mandarinen gefüllte kleine Geschenksäckchen an die mit vor Staunen weit geöffneten Augen und Mündern sich vor ihm drängenden Kinder. Und dies sehr zu Toms und Manuelas Erstaunen und Vergnügen auch noch völlig Kostenlos. Wohl ein Service der Stadtverwaltung - oder der Kaufleute - oder von beiden. Wie auch immer, jedenfalls trug diese Geste dazu bei, dass man nun doch in diesem Verkaufsrauschwahnsinn einen Hauch von Weihnachtsfeeling verspürte.

            Weiters befand sich auch ein kleiner Streichelzoo mit Kaninchen, Ziegen (warum in solchen Streichelzoos auch immer diese stinkenden Ziegen vorhanden waren, war Tom ein Rätsel) und Lämmern inmitten all der Verkaufsstände, und dazu auch die  Möglichkeit für einen geringen Obolus sein Kind auf ein kleines Pony zu verfrachten, und es von ebenso jungen wie eifrigen, und vor allem von all dem Tierkot verdreckten Mädchen einmal die ganze Fußgängerzone hin und her reiten zu lassen. Diese Möglichkeit auf eine Verschnaufpause, bzw. die Möglichkeit sich in aller Ruhe mal eine Zigarette anzuzünden und sie auch genießen zu können, ohne von einem Stand zum nächsten gezerrt zu werden, ließ sich Tom natürlich nicht entgehen. Und so stellte er den gemeinsamen Nachwuchs zusammen mit Manuela in der doch relativ langen Warteschlange vor dem Ponyterminal ab.


            Während er nun so abseits auf einem Schaufenstersims hockend und zufrieden vor sich hinrauchend die an sich vorbeiziehende Menschenmenge betrachtete, war Ihm so, als würde er dort seine alte Jugendliebe Elisabeth vorüberschweben sehen. Und nach einer Schrecksekunde, in der nicht nur sein Herz durch die ganze Hose und an der Beinöffnung unten hinausrutschte, sondern sich auch noch sämtliches Blut das normalerweise das Gehirn mit dem nötigen Sauerstoff versorgte irgendwo in der Magengegend versammelte, war er sich sicher dass sie es wirklich war. Dummerweise gab nun das Gehirn, sämtlichen Sauerstoffs beraubt und offensichtlich nicht mehr fähig vernünftige Entscheidungen zu treffen, an das Sprachzentrum den Befehl das vorbeischwebende vermeintliche Engelchen doch anzusprechen.

            Als alter Musikliebhaber verband Tom mit fast allen Personen seines Lebens passende Songs. Nun ja, manchmal waren sie mehr passend, manchmal eher weniger, da diese in der Regel mit Stimmungen und mit der Zeit in der man mit diesen Leuten etwas zu tun hatte verbunden wurden. Normalerweise war das nur ein einzelner prägnanter Song, bei manchen Leuten waren es 2 oder 3, bei Elisabeth (oder Lucy wie er sie manchmal wegen des Wortspiels das sich mit  Lucifer spielen lässt für sich genannt hatte, weil sie von aller welt "Lisi" genannt wurde, ihm dies jedoch mißfiel, da er dabei an eine Kuhmelkerin denken musste - was wiederum so gar nicht zu ihr passte) waren es gleich deren 5. und zwar:

1)    „Elisabeth-Serenade“ vom Günther Kallmann Chor wegen der Textzeile „Hörst du mein Lied Elisabeth“. Ein zwar äusserst schnulziges, aber dennoch sehr schönes Lied.
2)    „Elisabeth“ von Snäp mit „Ä“ geschrieben, die übrigens nichts mit den heute bekannten Snap zu tun haben, wegen der Textzeile „Elisabeth, du warst so gut zu mir und ich möcht auch gut sein zu dir, Elisabeth, who-ho“.
3)    „Pfiat di Gott Elisabeth“ von der Bayrischen Rock’n’Roll Band Spider Murphy Gang, einfach nur wegen des Titels.
4)    „Segel im Wind“ von Peter Cornelius, wegen der Textzeile „Du host die Kraft ana Löwin, doch du treibst so wie a Segel im Wind“.
5)    „Zu spät“ von den Ärzten, wegen der Textzeile „Doch eines Tages werd ich mich rächen, ich werd die Herzen aller Mädchen brechen. Dann bin ich ein Star, der in der Zeitung steht, und dann tut es dir leid, doch dann ist es zu spät!“
6)    Und in genau diesem Moment kam noch ein sechstes Lied, ein weiterer Song von Peter Cornelius dazu, nämlich „Du entschuldige i kenn di.

Wie man unschwer erkennen kann war Toms Beziehung zu Elisabeth irgendwo zwischen Vergötterung einer unerreichbaren Schönheit, Hass auf ihre ausdauernde Weigerung sich mit ihm auf eine Beziehung einzulassen, und die Trauer eben darüber angesiedelt. Es hatte nie eine Beziehung gegeben, nur einmal in Jugendjahren, nachdem sie sich bereits schon ca. 4 Jahre gekannt hatten, schaffte er es sie auf einer Silvesterparty so weit zu verführten dass zumindest eine veritable Knutscherei inklusive der Chance ihre süßen kleinen Brüste zu begrapschen, die er natürlich auch wahrnahm, drinnen war. Ansonsten kam es ihm vor als ob er ihr immer nur hinterhergelaufen wäre. Sie war Schuld an seinem Idealbild einer Frau. Nur wegen Ihr liebte er Frauen mit langen blonden Haaren, mit blauen Augen (was ein wenig seltsam war da sie braune Augen hatte, aber in seiner Vorstellung waren sie immer strahlend blau gewesen, obwohl er von deren wahrer farblichen Beschaffenheit wusste),  mit schlanker sportlicher Figur, mit Grübchen in den Wangen, Mit Bluejeans und Reiterstiefeln und mit Zahnlücke zwischen den oberen vorderen Schneidezähnen. Dummerweise hatte sich jedoch diese Elisabeth eingebildet diesen vermeintlichen Makel einer Zahnlücke im Erwachsenenalter mittels Zahnspange korrigieren zu müssen, ohne zu ahnen, dass gerade diese Unvollkommenheit sie in seinen Augen nur noch vollkommener machte - oder sie wusste das ganz genau und ließ sich gerade deswegen die Zahnlücke richten. Zugetraut hätte er ihr es ja, denn er wusste in all den Jahren (22 waren es inzwischen) in denen er sie kannte nie genau was sie eigentlich von ihm hielt. Ob sie ihn nur tolerierte weil er wie ein treues Hündchen, zumindest in ihrer gemeinsamen Jugend, immer für sie da war, oder ob sie ihn doch mochte, sie sich nur nicht traute eine feste Beziehung zu beginnen, oder was auch immer. Frauen waren sowieso ein ewiges Rätsel für Tom, woran Elisabeth einen nicht unbeträchtlichen Beitrag geleistet hatte. Seine Vermutung war, dass er zu lange gewartet hatte und irgendwann ins Freunderl-Eck gestellt worden war. Und Freunde sind für Frauen ja sowieso irgendwie Tabu. Weiß der Geier warum Frauen es sich nicht vorstellen können auch mal mit einem sogenannten guten Freund in die Kiste zu springen oder, Gott bewahre, noch schlimmer: eine Beziehung anzufangen.

            Nun, jedenfalls leistete sein Sprachzentrum dem dämlichen Befehl aus seinem gerade schwachsinnig gewordenen Hirn folge, und sprach Elisabeth an. „Hallo Elisabeth“ sagte Tom nicht gerade besonders originell. Er sagte zu Ihr gerne Elisabeth, obwohl sie Lisi oder Lisa lieber mochte. Lisi war ihm zu provinziell, zu bäuerlich, so hießen Kühe aber nicht seine Angebetete, und "Lisa" hatte sie aus einem Griechenlandurlaub mitgebracht, was ihm schon alleine deswegen unsympathisch war. Nein, Elisabeth schien ihm immer irgendwie respektvoller und angemessener.

            „Hallo Tom“ sagte sie erstaunt und lächelte dabei sogar, was seinem bereits durch die Hosenbeine geflohenem Herzen, das unter ihm im Schneematsch lag und nur mehr röchelte, noch mal einen kräftigen Energieschub gab, und es somit endgültig im nächsten Kanalschacht verschwand. „Wie geht’s dir denn, lange nicht mehr gesehen“ stellte sie fest.
            „Ja, stimmt, ca. 10 Jahre oder so“ erwiderte Tom. „ich hatte inzwischen einige interessante Jobs und bin auch stolzer Vater geworden“. Am liebsten hätte er gerade sein blutleeres Gehirn erwürgt, mit so was platzt man nicht nach 10 Jahren Funkstille sofort heraus. Vor allem nicht wenn man vor hat den Kontakt zu intensivieren. Immerhin war ja bereits nach einigen Partnerberatungssitzungen klar, dass Manuela definitiv die Trennung wollte. Mit dem Ausziehen wurde nur noch deshalb zugewartet weil sie erst eine passende Wohnung finden musste.
            „Wow!“ staunte Elisabeth, „wie alt, Bub oder Mädchen?“ wollte sie wissen.
            „5, Junge, hochintelligent, sehr hübsch und mein ganzer Stolz, aber kein Wunder bei meinen Genen“ lachte er.
            „Das glaub ich dir sogar“ gab sie zwinkernd sie zurück.
            „Und du?“ Nun war natürlich auch Tom neugierig.
            „Ich bin verheiratet und habe 3 Kinder“ kam ihre Antwort. Tom hörte das geflohene Herz aus dem Kanalschacht heraus leise stöhnen.
            „ääh… ja… aha.. echt?“ stammelte er.
            „Nein“ lachte sie ihm prustend ins Gesicht, „keine Kinder“.
            „Aber verheiratet?“ hakte Tom nach.
            „Auch das nicht“ meinte sie.
            „Lebensgemeinschaft?“ Tom wollte es nun genau wissen.
            „Nein, gar nichts, ich finde einfach irgendwie nicht den richtigen“ Elisabeth schaute ein wenig beschämt zu Boden und scharrte mit ihren Stiefeln im Matsch herum. Toms untreues Herz lugte wieder zwischen den Kanalgittern hervor.
            „Naja, mich wolltest du ja nie wirklich haben hatte ich den Eindruck“. Tom schickte einen verbalen Spähtrupp los. Es entstand eine kleine Pause in der das in Toms Bauch versammelte Blut langsam wieder dorthin zurückkehrte, wo es offensichtlich dringender benötigt wurde. „Bist du noch Schwester in der Klinik?“ versuchte er nun abzulenken.
            „OP-Schwester, andere Klinik, genauer gesagt Privatklinik, du weißt schon, in Innsbruck an der Kettenbrücke.“ Sie lächelte ihn wieder an. „Hab ein paar Fortbildungen gemacht und jetzt geht’s mir ganz gut. Und wie geht’s dir denn so, beruflich?“ Toms zweites Herz flutschte in den Hosenboden. Es musste ein zweites Herz sein, denn er hatte nicht bemerkt dass das erste zurückgekehrt wäre, dennoch spürte er genau, dass es gerade seinen angestammten Platz verließ. Zurzeit war er nämlich hochoffiziell Arbeitslos und wollte DAS nun jetzt wirklich nicht der Dame seines Herzens offenbaren.
            „Naja, das ist ein bisschen kompliziert" druckste er linkisch herum, "Ich würde dir das und alles andere gerne in aller Ruhe bei einem Kaffe erzählen. Wäre das eine Idee?“ Tom versuchte eine Nebelbombe zu werfen um nicht sofort antworten zu müssen, denn er hatte keine Ahnung wie er das jetzt erklären sollte.
             „OK“ meinte sie.
            „Gut“, Tom wühlte in seinen Jackentaschen und zauberte eine alte Visitenkarte von seinem vorhergehenden Job bei einer Werbeagentur hervor, mit der sich wunderbar angeben ließ. „Ruf mich an, die Handynummer stimmt, alles andere leider nicht, aber das erzähl ich dir dann genauer“. Er lächelte verlegen. In diesem Moment kam Manuela mit dem gemeinsamen Nachwuchs im Schlepptau vorbei.
            „Wir gehen ins Rathaus, dort können die Kinder Kekse backen“ rief sie ihm im Vorübergehen zu und die beiden verschwanden 3 Meter weiter im Eingang des Rathauses. „Na super“ dachte sich Tom, „ich hätte euch eh vorbeigehen sehen, wäre also unnötig gewesen dass du mich anquatscht während ich versuche mir deine Nachfolgerin zu angeln“.
            „War das dein Kleiner? Der ist ja voll süß!“ Elisabeth strahlte Tom an. „Gratuliere, hübsches Kind“.
            „Danke“ quetschte Tom zwischen den Zähnen hervor. „Ruf mich an, ich würde mich echt sehr freuen!“
            „OK, mach ich, ciao, bis dann.“ Sie verabschiedeten sich und Elisabeth verschwand langsam in den Rauch- und Nebelschwaden des Grillstandes der Feuerwehr.

            Tom zündete sich noch eine Zigarette an, bemerkte dass die Hand mit dem Feuerzeug leicht zitterte und wischte sich den Schweiß von der Stirn, der sich trotz Minusgrade dort gebildet hatte. „Dabei glaub ich eigentlich gar nicht an Liebe und Pfiat di Gott, Elisabeth“ murmelte er für andere nicht hörbar in den Zigarettenrauch hinein.