Samstag, 1. Februar 2014

BUCHAUSZUG - KAPITEL 7 / TEIL 1 - KABELSALAT

7


You can reach but you can't grab it
you can't hold it control it you can't bag it
you can push but you can't direct it
circulate regulate oh no you cannot connect it
~ U2, “Discothèque” ~



…[Eine Hand reißt Blätter von einem Kalender ab und stoppt irgendwo im Mai - Eine Szene wie sie heutzutage in Filmen nicht mehr gezeigt wird]…

Es war zwar erst kurz vor 16:00 Uhr, und Tom war somit eine halbe Stunde zu früh zum vereinbarten Termin für den Soundcheck, aber es war ihm lieber wenn er in einem Cafè noch warten musste, als er käme zu spät und ihm würde dann sozusagen hinten herum diese Zeit fehlen. Tom liebte Zeitpolster. Je mehr, desto lieber und desto kuscheliger fühlte sich sein Zeitmanagement an.

            Er hatte einen Gig als Dj im Club PLANET NUTOPIA in Innsbruck ergattert. Es kam selten genug vor, dass ein Clubbesitzer offen genug war einen DJ zu engagieren, und ihn noch dazu anständig zu zahlen, der nicht auf die klassische Art mit Turntables oder CD-Playern auflegte, sondern mit seinem Laptop und MP3s und dann auch noch elektronischen Sound spielte der sich nicht leicht in eine Schublade namens Dancefloor, Drum’nBass, Techno oder irgendeiner anderen Bezeichnung schieben ließ. Darum war Tom auch sehr froh diese Chance zu bekommen in einem halbwegs angesehenen Club auflegen zu dürfen, und wollte unbedingt alles richtig machen. Darum war er viel zu früh da. Und darum stand er jetzt mit seinem roten Werbegeschenks-Rucksack der Kronenzeitung, der ihm eigentlich viel zu peinlich war, und in dem sich der Laptop samt Computermaus, sämtlichen nötigen Kabeln und einer externen Festplatte mit über 100 Gigabyte an gespeicherter Musik (Das Dj-Programm welches Tom auf seinem Laptop benutzte zeigte ihm an wie viele Tracks erfasst waren und wie lange man brauchen würde sie alle anzuhören. Es waren fast 20.000 Stück und 63,7 Tage. Nun, für heute waren nur 5 Stunden geplant, das sollte genügen), vor der Eingangstür des Clubs. Zu Toms großem Erstaunen ließ sich die Tür tatsächlich leicht quietschend öffnen, und er schickte sich an die stockdunkle Stiege, durch die dumpf ein locker-chilliger Dancebeat nach oben zu ihm hinaufwaberte, hinunterzusteigen.

            Unten, in den heiligen Hallen, war es erstaunlich hell. Vermutlich war das die Beleuchtung die benutzt wurde wenn die Putztruppe durch den Club ... äh ja ... "fegte", obwohl man dann später am Abend beim üblichen Schummerlicht ja sowieso nicht sah wie dreckig man sich den Hosenboden machen würde, falls man es wagen sollte sich irgendwo hinzusetzen. Tom sah sich um, in der Hoffnung irgendjemanden zu entdecken, der nicht nur den Schmutz auf dem Dancefloor gleichmäßig verteilte, sondern der genug Verantwortung inne hatte, um ihm zu erlauben das DJ-Pult mit seinem Laptop zu besetzen und seine Kabel an den richtigen Stellen anzustöpseln, um dann zu versuchen das Haus zu rocken.

Hinter der Bar stand ein Bär. Der Bär trug ein schwarzes U2-T-shirt (Zooropa) und eine rote Baseballkappe auf der BOSS? geschrieben stand. „Cooles Shirt“ sprach Tom den behaarten Berg an.
„Wenn du DJ Plastik bist, dann hab ich dich erst in einer halben Stunde erwartet. Naja, umso früher umso besser. Kaffee? Ich bin Chris, für die meisten jedoch einfach Grizzley“ antwortete ihm der nun im wahrsten Sinne des Wortes wahrhaftig gewordene Grizzley in einer Lautstärke, die Tom niemals für menschenmöglich gehalten hätte, ohne dass man es jedoch schreien nennen hätte können. Er grinste still in sich hinein.
„DJ BLASTIK, mit einem großen, dicken und sehr flauschig-weichen „B“! Und ja, Kaffee immer, überall und jederzeit, danke. Kann ich schon mal anfangen aufzubauen, Laptop hochfahren und so?“
„Logisch!“ eine Bärenpranke deutete in Richtung DJ-Pult „steck dich an und dann schauen wir gleich ob die Sache auch so funktioniert wie sie funktionieren sollte.“ Der Kerl war sympathisch unproblematisch. Tom schlenderte über die Tanzfläche zum DJ-Pult und begann dort seine Sachen aufzubauen. Während der Laptop gerade hochfuhr bekam er seinen Bärenkaffee serviert und gleichzeitig schlichen sich seine beiden Brüder Little Joe und Big Nick bei der Tür herein, was Tom nun doch ein wenig erstaunte, denn er hatte nicht mit den beiden gerechnet. Zumindest nicht um diese Uhrzeit. Sie wussten, dass Tom heute hier auflegen würde, und da sie zufällig in der Gegend waren, schauten sie auf gut Glück einfach mal herein. Der Umstand, dass um diese Tageszeit der Club normalerweise fest verschlossen war, hatte sie nicht im Geringsten gestört, und die beiden waren einfach mal hier hereingeschneit. Dass Tom bereits zwecks Aufbauen und Soundcheck hier war, war also reines Glück, aber so machten die beiden es immer. Einfach mal drauflos wursteln und hinterher erst etwaige auftauchende Probleme lösen. Diese Vorgehensweise ärgerte Tom immer wieder, aber dummerweise hatten sie mit dieser Einstellung viel zu oft Erfolg. So wie gerade eben. „Gehören die beiden zu dir?“ wollte Grizzley wissen. Tom zögerte zwei bis fünf Sekunden und starrte seine dreisten Brüder mit einer gefährlich hochgezogenen Augenbraue über den leeren Dancefloor hinweg an. Die beiden blieben abrupt auf dem Weg zu Tom mitten auf der Tanzfläche stehen und grinsten ihn sehr breit an, so als ob sie gerade erst aufgestanden und Haschtee, Cannabiskekse und Joghurt mit rechtsdrehendem THC gefrühstückt hätten und dementsprechend breit wären. Wahrscheinlich war auch genau das der Fall gewesen.
„Ja, meistens gehören die zu mir“ antwortete Tom, und die beiden setzten ihren Weg zu seinem Dj-Pult fort. Die nun folgende Begrüßung unter Brüdern lässt sich nur schwer beschreiben. Es war eine jener seltsamen Bewegungsabfolgen wie man sie des öfteren unter Männern beobachtet und trotz sorgfältiger Beobachtung nie die genaue Folge der einzelnen Abläufe herausfindet, die hauptsächlich daraus besteht, dass man sich gegenseitig auf die Handflächen schlägt, mit verschiedenen Fingern wackelt, sich mit der flachen Hand an die Stirn klatscht und ähnlich sinnlosen Unsinn treibt.

Nachdem der Indianertanz nun abgearbeitet war nahm Tom einen Schluck Kaffee, und versuchte den Laptop mit der hauseigenen Anlage zu verbinden, doch das Kabel das er mitgebracht hatte passte nicht. Er hatte eine Verbindung von Stereoklinke auf Cinchstecker dabei, an der Hausanlage befanden sich jedoch nur XLR-Anschlüsse. Tom kratze sich am Kopf. „Meister, hast du auch irgendwo Cinchanschlüsse versteckt?“ frug Tom Meister Grizzley quer über die Tanzfläche hinweg in Richtung Bar.
„Cinch ist doch nur was für Weicheier und Fußföhner, wir sind doch keine Mädchen beim Kaffekränzchen hier“ tönte es lautstark von Meister Petz zurück.
„Dann haben wir ein Problem“ bemerkte Tom und trank den letzten Schluck aus seiner Kaffetasse.
„Was heisst hier wir? Und vor allem: was für ein Problem? Probleme gibt’s nicht, es gibt nur Herausforderungen“ raunte ihm Grizzley erstaunlich leise und dabei zwinkernd zu, denn er stand nun, von einer Sekunde auf die andere, bereits neben Tom um diese Herausforderung persönlich in Augenschein zu nehmen.
„Naja, wir brauchen entweder Cinch oder 3,5mm Stereoklinke auf XLR, da wir nur ein Kabel für Klinke auf Cinch haben“ analysierte Big Nick das Problem für ihn.
„Wer hat DICH denn gefragt?“ blaffte Tom Nick sofort an, doch es tat ihm gleich wieder leid seinen Bruder so angefahren zu haben, denn er hatte ja recht. „Aber du hast natürlich recht“ gestand Tom auch sofort ein „So wie du immer recht hast wenn es um Audiogeschichten geht. Musst du eigentlich ständig deine SAE-Ausbildung raushängen lassen, du kleine Angebersau du?“ Tom gab Nick einen leichten Dämpfer mit der Faust auf die Schulter und grinste ihn dabei an.
„Ja-haaaa!“ grinste Nick zurück, unterließ es aber seinerseits Tom Mit der Faust auf die Schulter zu schlagen.
„Ooooouuuuhhhhhh….“ Kam es da aus Grizzleys Mund. „Mir fällt gerade ein wer die Lösung für unser Problem haben könnte.“
„Aha, jetzt ist es also doch unser Problem? Und überhaupt: welches Problem? Ich sehe hier nur eine Herausforderung!“ Meinte nun Little John der glaubte ebenfalls frech werden zu können. Tom schoss ihm daraufhin eine leere Zigarettenpackung die er hinter dem DJ-Pult gefunden hatte zwischen die Augen – und bekam sie prompt wieder zurück, konnte sich aber gerade noch rechtzeitig ducken um nicht getroffen zu werden.
„Jungs, ihr habt heute Alkoholverbot!“ meinte Grizzley lachend und holte sein Handy aus den Tiefen der Taschen seiner Familienzeltartigen Jeans. Er tapste davon, ein winziges Handy in seinen Riesenpranken und begann zu telefonieren. Tom fragte sich wie dieses zarte kleine Handy mit den Riesenpranken des Grizzleybären zusammenpasste, vor allem wie es der Kerl schaffte das Teil zu bedienen, aber vielleicht hatte er ja einfach nur eine Kurzwahltaste gedrückt. Oder diese Kohlenschaufelhände waren einfach nur geschickter als man auf den ersten Blick vermutete.


            Eine Zigarettenlänge später kam er wieder zurück, und Verkündete seine Lösung. „Jemand wie ich kennt natürlich Leute die wiederum Leute kennen“ fing Grizzley an.
            „…Die wiederum von Leuten gehört haben…“ das war Big Nick
            „…Die angeblich Leute kennen…“ setzte Little john den Satz fort
            „…Die wissen dass man andere Leute nicht unterbricht wenn sie was wichtiges zu erzählen haben!“ beendete Tom bereits leicht genervt das Herumgealbere seiner beiden Nervensägen.
            „Also,“ fuhr Grizzley fort „im Cafe Hades sitzt ein Typ, der wird Funky genannt“
            „Was, wie? Unterbrach ihn Tom. „Frankie?“
            „Nein, FUNKY, so wie die Musikrichtung, der Funk! Soweit ich weiß heißt er mit Nachnamen Fankhauser, darum Funky – aber das hast du nicht von mir!“ Grizzley wurde anscheinend aus irgendeinem Grund nervös. „Der hat angeblich genau das Kabel dass du brauchst. Du kannst ihn ganz leicht erkennen. Er ist sicher der Einzige in dem ganzen Laden der einen Anzug trägt. Sollte sich wider erwarten doch noch ein anderer mit Anzug dort aufhalten, wird er wahrscheinlich sowieso gerade verprügelt und kann alleine deshalb schon nicht Funky sein. Wenn sich jedoch mehr als ein Anzugträger im Hades aufhalten und keiner von ihnen wird verprügelt, dann schau dass du die Beine unter die Arme nimmst und komm sofort wieder zurück, dann müssen wir uns was anderes einfallen lassen.“
            „Reizend“ knirschte Tom zwischen seinen Zähnen hervor. „Und wo ist das Hades?“
            „Nicht weit“ erklärte ihm Grizzley „Die Strasse weiter rauf, die nächste rechts rein und nach 50 Metern ist auf der linken Seite das Hades. Geht locker zu Fuß.“
            „OK, Little John, du kommst mit mir mit, falls ich jemanden brauche der mir beim verprügelt werden beistehen muss, Big Nick, du als Audiospezialist bleibst hier und passt auf mein Zeugs auf!“ instruierte Tom seine Brüder.

.... Fortsetzung folgt....