Mittwoch, 21. Mai 2014

BETRACHTUNGEN ZUR PROKRASTINATION

seit einiger zeit ist ein begriff in aller munde und hat dadurch die höheren weihen der umgangsprach-tauglichkeit errungen: die prokrastination

es gibt webseiten, foren und sogar angebote zur therapie für prokrastiniernende. ganz so als ob das prokrastinieren ein problem oder eine krankheit, ja gar eine psychische störung wäre. doch ist es das denn tatsächlich?

betrachten wir mal den begriff der prokrastination. um prokrastinierende von ordinären faulpelzen unterscheiden zu können, müssen drei kriterien gegeben sein: kontraproduktivität, mangelnde notwendigkeit und verzögerung. im gegensatz zum faulpelz ist der prokrastinierende nämlich alles andere als untätig, im gegenteil, unter umständen wird er sogar noch viel umtriebiger als er es eigentlich sein müsste, nur um etwas aufschieben zu können.


da stellt sich dann doch die frage inwiefern das eine denn wichtiger und dringender ist als das andere. von einem holistischen (=ganzheitlichen) standpunkt aus gesehen ist alles in etwa gleich wichtig und es ist nicht einmal so unwahrscheinlich, dass man auf völlig anderem wege zum zu erreichenden ziel gelangt.

nicht zu unterschätzen ist dabei auch das phänomen der sich selbst erledigenden dinge. jeder kennt es, jeder hat es schon erlebt und erlebt es immer wieder, dass sich so manches tatsächlich schlicht und einfach von selbst erledigt, dass plötzlich dinge, die bis eben noch höchst wichtig waren auf einmal absolut nebensächlich werden, dass sich der fokus an eine andere stelle verschiebt, oder dass das zu erledigende ganz einfach nicht mehr vorhanden ist.

ich sehe das prokrastinieren als die kunst an, das wichtige vom unwichtigen zu filtern und zu trennen. wenn man sich anderen dingen widmet, anstatt jenen, die vermeintlich nun dringender erledigt werden müssten, so erledigt man ja doch etwas, nur etwas völlig anderes. und wer sagt denn, dass das wichtige zu erledigende nicht doch schlussendlich auch erledigt wird? nur bis es soweit ist, hat man halt zusätzlich noch -zig andere dinge abgearbeitet. wer dinge nicht aufschiebt beschäftigt sich länger mit dem zu erledigenden, vielleicht macht er es dadurch auch besser und gründlicher, doch währenddessen bleiben andere dinge unerledigt. ich nenne das "retro-prokrastination". wer seine wichtigen dinge sofort erledigt hat nur angst vor all den vermeintlich unwichtigen dingen - und bringt sich dadurch vielleicht sogar selbst um die eine oder andere erfahrung.


zudem läuft das sofort erldigen ja auch dem pareto prinzip zuwider, welches besagt, dass man für 80% der arbeit 20% der zeit braucht und für die restlichen 20% arbeit 80% der zeit. prokrastinierer nützen durch den selbst auferlegten zeitdruck die 20% zeit um 80% der aufgabe zu erledigen, sind streng genommen also sogar effizienter, als jene die sich um die 100% kümmern, denn in den restlichen 80% werden ja andere dinge erledigt.

ich schrieb gerade, dass sich sofort-erlediger möglicherweise um die eine oder andere erfahrung bringen. "wie das?" wird man sich nun fragen. nun, wer prokrastiniert beschäftigt sich mit dingen, um die er sich ansonsten kaum bis gar nicht gekümmert hätte. somit lernt und erfährt er vermutlich, nein sogar ganz sicher, dinge, auf die er ansonsten nie im leben gekommen wäre.

das problem des prokrastinierers besteht und entsteht ja nicht bei ihm selbst, sondern bei jenen und durch jene die an seiner statt die prioritäten festlegen. im grunde ist es also ein kulturelles und gesellschaftliches problem und nicht das eines individuums. die gesellschaft kann nicht mit prokrastinierenden umgehen, nicht umgekehrt.